Stevan Tontić (*1946)


Bio-Bibliographie

In der unsterblichen Ulme <=> In der unsterblichen Ulme


In der unsterblichen Ulme
(Brief an Boško Kućanski)

1.

Ich sehe mir deine große Ausstellung
der enthüllten Formen der Weltseele an,
der seligen Umarmungen und Orgien,
jener innigen Engführung mit dem Material,
der geschwisterlichen Sorge um den Verlass’nen,
für den gottverlassenen Stoff
in deinen Seltsamen Häusern, nicht im Himmel
noch auf der Erde,
durch deinen Traum aufgewallt.

Ich sehe die Formen, die du mit dem Meißel
(mit den nackten Fäusten vielleicht auch)
aus dem Geweid der Steine, des Holzes herausnimmst,
aus jener unsterblichen Ulme,
sie aus der Finsternis rettend,
aus der Fäulnis und dem Verfall,
(für die ein übles Schicksal sie trifft),
du wärmst sie, in die Zwingen
der mütterlichen Garne sie kettend,
in die Vater-Schlingen des Tauwerks geknüpft.

Manchmal entsteht hier statt
Bäumen, Blumen und Früchten,
Quellen, Knoten und Nistholz
durch Jähes verwandelt
eine Gruppe von Geiseln,
eine Kolonne Flüchtlingsgestalten,
eine trauernde Karawane (aber lichtvoll gemeißelt,
mit dem Licht der stürzenden Sterne behandelt)
durch Nacht und Nebel verfolgt.

Und mit jedem Schnitt, dem Meißeln
wird der Traum des verbannten Knaben berührt
vom Paradiso des Ur-Anfanges,
mit der Furcht des bloßen Atemzugs,
für die Natur der Dinge allein,
des vertrauten Alls Atemkreiseln,
beim Toben des drohenden Unterganges.

Aber die Gestalt scheint und dauert noch fort,
und hält noch zusammen den Stoff:
du nimmst ihn, zimmerst und schleifst
an den kosmischen Köpfen, Ovalen,
Masken, Talismanen, den Ringen,
dem nackten Kiesel, dem Ur-Ei, dem Ort
in der Tiefe des Körpers, der Glieder,
wie für die letzte Exposition,
in die alle Gestalten treiben wieder
(und die Materien, die vom Gottesthron fallen,
dass sie verwandelt zurückkehrn
ins Rund der kostbaren Schöpfung).

Und wie sich die Ulmen-Faser
an der Berührung des Hanfs, des Flachses erfreut!
Als ob mit dem Garn des ersten Entsinnens
(das von der Spindel der Großmutter stammt)
du alle Verwundung umzäunst,
Orte, von Bedrohung und Kälte gemasert,
in der Erwartung der Rettung der Welt,
für den Geist, der die Gestalten erträumt,
für die helle Ulm’-Nervenfaser,
die Elemente, für die Kälte des Steins,
wo der Morgenschein des Jüngsten Tages dir dräut.

Schließlich findet Ruhe und Heim
die Materie in glücklicher Form
im Kućanski-Raum, der sie belebt –
und jede kommt an den Platz,
von dem Glanz sich ergießt – ein
jedes auf seinen eignen gelegt.

Schaut denn nicht schon
auch dein klaräugiger Meißel dorthin,
in die Gestalt jeder Gestalt,
nach dem verborgenen Thron?

2.

Jetzt ergreift ein Engel das Wort
(dieser Dämon meiner Selbstverliebtheit)
und flüstert mir zu seine Bitte,
die ich dir brav überbringe:
„Ich wünsche mir, Meister, dass du mir höhlst
(es koste, was es wolle)
eine Truhe, eine Wiege (gleichviel)
in deiner unsterblichen Ulme;
geräumig, auch tief nach Möglichkeit,
mit einem Deckel wie mit einem Nebenhimmel verschreint,
wie auch die letzte Ehre erwiesen sein solle
dem Körper, den zu tragen ich mit Mühe erzwinge,
damit ich im Unsterblichen ausruh’,
geschnürt von den lebendigen Kräften des Taus,
mit Körper und Geist bei einem herrlichen Schmaus
mit Ulmenwein und Brot vereint.“

Ich verbiete dem frechen Selbstverliebten den Ton,
und beinahe kommt mir der Gedanke allein:
als könnte ich jetzt schon wirklich besehn
ein Bett, aus unsterblicher Ulme erzeugt,
eine Schlafstatt aus Ulm’spänen schon,
in das ich mich legte ... mit einem Kattun
aus dem Bast junger Ulmen gewebt,
der Hals verziert mit einem Ulm’rindengeschmeid’,
vielleicht wäre ich gar nicht zum Sterben ersehn,
und wenigstens – vom
Mahr des Sterbens befreit.

Und ich denke, dass – wenn nun
ich sterben schon muss – mir
ein unsterblicher Kamm wächst, der unsichtbar bleibt,
und ich würde vor Ulmenduft sprühen,
die Weihe empfangend
wie ein unbelehrbarer Heide,
zum Begründer des Ordens der Verehrer
deiner Unsterblichen Ulme gereift.

Aus dem Serbischen von Cornelia Marks und André Schinkel


zurück
Stevan Tontić, Dichter, Prosaist, Essayist und Übersetzer, wurde 1946 in Sanski Most in der serbischen Krajina noch in Jugoslawien geboren, (heutiges Gebiet der Förderation Bosnien und Herzegowina).

Der politisch aktive Literat und Übersetzer wurde von der politischen Führung bekämpft, andererseits, seit den achtziger Jahren in den verschiedenen Regionen seiner Heimat und später ebenfalls in Deutschland mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet.

1993 ging er ins Exil nach Deutschland. Acht Jahre lebte er in Berlin, getrennt von seiner Familie. Diese lebte lange in Belgrad und konnte erst im Jahr 2000 nach Sarajevo zurückkehren. Stevan Tontic folgte ihnen Ende 2001 in seine Heimat, nach Sarajevo.

Sein Lyrikband "Handschrift aus Sarajevo" (deutsche Ausgaben bei Landpresse, Weilerswist 1994, 1995 und 1998) fand große Beachtung. Er erhielt den Horst-Bienek-Förderpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2000) und den Preis der Stadt Heidelberg „Literatur im Exil“ (2001).

Stevan Tontić übersetzt seit vielen Jahren zeitgenössische Dichter aus dem Deutschen.

Veröffentlichungen (Auswahl):
zurück